Wenn die Schule schon wieder zu viel wird

Impuls der Woche - 25.09.2026

„Wir sind doch gerade erst wieder angefangen …“

Die Sommerferien sind gerade einmal ein paar Wochen vorbei. Eigentlich müsste der neue Rhythmus inzwischen wieder da sein. Früh aufstehen, Schule, Hausaufgaben, Lernen: Alltag eben.

Und trotzdem erleben wir gerade in vielen Familien etwas anderes. Der Stundenplan ist voll. Die ersten Klassenarbeiten stehen an. Hausaufgaben müssen erledigt, Vokabeln gelernt und Präsentationen vorbereitet werden. Dazu kommen Sportverein, Musikschule, Freunde und all die Dinge, die Kindern neben der Schule wichtig sind.

Plötzlich ist es wieder da, dieses Gefühl: Wie sollen wir das alles schaffen?

Bei uns zu Hause erleben wir gerade selbst, wie unterschiedlich Kinder damit umgehen können. Das eine versucht, irgendwie alles unterzubringen. Das andere würde am liebsten gar nichts mehr machen. Und vielleicht liegt genau darin etwas, das wir Eltern manchmal übersehen. Überforderung sieht nicht bei jedem Kind gleich aus.

Der eine rennt schneller, der andere bleibt stehen

Manche Kinder reagieren auf schulischen Druck mit noch mehr Aktivität. Sie wollen alles erledigen, denken schon an die nächste Klassenarbeit und haben ständig das Gefühl, noch etwas tun zu müssen. Selbst in einer Pause kreisen die Gedanken um das, was noch nicht geschafft ist.

Das ist der Antreiber.

Andere Kinder reagieren vollkommen anders.

Die Schultasche steht in der Ecke. Die Präsentation wird auf morgen verschoben. Auf die Frage nach der nächsten Klassenarbeit kommt ein genervtes „Ich weiß!“. Und irgendwann passiert scheinbar gar nichts mehr.

Das ist der Vermeider.

Dann gibt es Kinder, die vor allem eines nicht wissen: Wo soll ich überhaupt anfangen?

Fünf Aufgaben erscheinen im Kopf gleichzeitig. Alles scheint wichtig. Also wird ein bisschen Mathematik gemacht, dann Englisch angefangen, zwischendurch nach der Präsentation geschaut und am Ende fühlt es sich trotzdem so an, als wäre nichts richtig fertig geworden.

Das ist der Orientierungssucher.

Und schließlich gibt es Kinder, die besonders hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Eine Präsentation könnte längst fertig sein, aber die Folien sind noch nicht schön genug. Vor einer Klassenarbeit wird immer weiter gelernt, obwohl der Stoff eigentlich sitzt.

Das ist der Perfektionist.

Natürlich passt kein Kind vollständig in eine solche Schublade. Und je nach Situation kann dasselbe Kind ganz unterschiedlich reagieren. Aber die Muster können uns Eltern helfen, etwas besser zu verstehen:

Nicht jedes Kind braucht bei Stress dieselbe Unterstützung.

Der Antreiber braucht manchmal die Erlaubnis aufzuhören

Bei diesen Kindern müssen Eltern häufig gar nicht zusätzlich motivieren. Im Gegenteil. Vielleicht ist die wichtigere Frage:

„Was ist für heute genug?“

Gemeinsam kann man festlegen, welche zwei oder drei Dinge wirklich wichtig sind. Danach ist Schluss. Auch Freizeit sollte nicht das sein, was übrig bleibt, wenn alles andere erledigt wurde. Sport, Freunde, Musik oder einfach eine Stunde auf dem Sofa sind keine verlorene Lernzeit. Sie gehören zu einem gesunden Alltag.

Der Vermeider braucht einen Anfang, keine lange Aufgabenliste

Wenn ein Kind blockiert, hilft der Satz „Du musst endlich anfangen“ meistens wenig. Denn genau das ist ja das Problem. Manchmal hilft es, die erste Hürde sehr klein zu machen. Nicht: „Du musst heute für Englisch lernen.“

Sondern: „Komm, wir schauen zehn Minuten gemeinsam, was überhaupt drankommt.“

Aus einer großen, unangenehmen Aufgabe wird ein erster überschaubarer Schritt. Und erstaunlich oft geht es danach weiter.

Der Orientierungssucher braucht einen Plan, den man sehen kann

Manche Kinder haben nicht zu wenig Motivation, sondern zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf. Hier kann eine einfache Wochenübersicht enorm entlasten.

  • Wann ist die Klassenarbeit?
  • Wann soll die Präsentation fertig sein?
  • Welche Hausaufgaben stehen an?

Und genauso wichtig: Wann ist Sport? Wann treffe ich Freunde? Wann habe ich frei?

Erst wenn alles sichtbar wird, lässt sich entscheiden, was heute wirklich erledigt werden sollte und was bis morgen warten darf. Gerade jüngere Schülerinnen und Schüler brauchen dabei häufig noch Unterstützung. Organisation ist eine Fähigkeit, die sich erst entwickeln muss.

Der Perfektionist darf lernen, dass „gut“ wirklich gut genug sein kann

Das klingt einfacher, als es ist. Denn ein perfektionistisches Kind weiß möglicherweise durchaus, dass die Präsentation eigentlich fertig ist. Trotzdem entdeckt es noch eine Formulierung, die besser sein könnte. Noch ein Bild. Noch eine Folie. Vor der Klassenarbeit könnte man sicherheitshalber noch einmal dieses eine Kapitel wiederholen.

Der Satz „Jetzt hör doch einfach auf, das ist doch gut genug“ hilft dann häufig wenig.

Denn für das Kind fühlt es sich noch nicht gut genug an.

Genau hier können Eltern unterstützen. Nicht, indem sie versuchen, dieses Gefühl wegzureden. Sondern indem sie ihrem Kind helfen, eine Grenze zu setzen, wenn es diese selbst noch nicht setzen kann.

Zum Beispiel: „Du arbeitest noch 20 Minuten an der Präsentation. Danach schauen wir sie einmal gemeinsam durch und dann ist sie fertig.“

Oder vor einer Klassenarbeit: „Du hast den Stoff gelernt und kannst die Aufgaben lösen. Heute Abend machen wir um 19 Uhr Schluss.“

Das Entscheidende passiert möglicherweise erst danach. Das Kind gibt die Präsentation ab. Es schreibt die Klassenarbeit. Und es erlebt: Es war nicht perfekt. Aber es war gut. Und es ist nichts Schlimmes passiert.

Solche Erfahrungen können wichtiger sein als jede Diskussion über Perfektionismus.

Eltern können dabei noch etwas anderes vorleben. Wenn wir selbst einen Fehler machen, können wir ihn manchmal bewusst stehen lassen: "Das hätte ich besser machen können. Aber für heute reicht es.“

Kinder lernen nämlich nicht nur daraus, was wir ihnen sagen. Sie beobachten auch, wie wir selbst mit unseren Ansprüchen umgehen. Und vielleicht verändert sich dann mit der Zeit etwas.

Aus: „Ich höre auf, wenn es perfekt ist.“ wird zunächst: „Ich höre auf, obwohl es sich noch nicht ganz fertig anfühlt.“ Und irgendwann vielleicht: „Ich habe genug getan. Jetzt darf ich aufhören.“

Vielleicht brauchen wir wieder mehr Rhythmus statt mehr Lernen

Wenn Schule stressig wird, reagieren wir Eltern verständlicherweise häufig mit noch mehr Organisation. Noch früher anfangen. Noch einen Lernplan erstellen. Noch einmal Vokabeln abfragen.

Manchmal ist aber etwas anderes wichtiger:

  • Ein verlässlicher Schlafrhythmus.
  • Gemeinsame Mahlzeiten.
  • Bewegung.
  • Zeit draußen.
  • Freunde.
  • Und Zeiten, in denen Schule ganz bewusst kein Thema ist.

Kinder brauchen einen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Wenn jeder Nachmittag nur noch aus Verpflichtungen besteht, verliert selbst ein motiviertes Kind irgendwann die Lust.

Und wann kann Nachhilfe entlasten?

Auch Nachhilfe sollte in einer solchen Situation nicht einfach ein weiterer Termin im ohnehin vollen Kalender sein. Gut eingesetzt kann sie genau das Gegenteil bewirken.

Wenn Mathematik jede Woche zu langen Diskussionen am Küchentisch führt, kann eine feste Nachhilfestunde diesen Teil des Lernens strukturieren. Wenn Grundlagen fehlen, kann gezielt daran gearbeitet werden, statt immer wieder an denselben Aufgaben hängen zu bleiben. Und manchmal tut es der Eltern-Kind-Beziehung schlicht gut, wenn nicht Mama oder Papa zum dritten Mal Bruchrechnung oder englische Grammatik erklären müssen.

Gute Nachhilfe sollte deshalb nicht mehr Druck erzeugen. Sie sollte Druck herausnehmen.

🌱 Ein Gedanke zum Schluss

Vielleicht sollten wir unsere Kinder in diesen Wochen nicht zuerst fragen: „Hast du alles erledigt?“

Sondern manchmal: „Wie geht es dir gerade mit all dem?“

Die Antwort darauf kann sehr unterschiedlich ausfallen:

  • „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“
  • „Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe.“
  • „Es ist mir einfach alles zu viel.“
  • „Keine Ahnung.“

Dann müssen wir nicht sofort eine Lösung haben. Aber wir können gemeinsam sortieren:

  • Was ist heute wirklich wichtig?
  • Was kann warten?
  • Wo braucht mein Kind Unterstützung?
  • Und wo braucht es vielleicht einfach einmal einen freien Nachmittag?

Denn Schule darf Kinder fordern. Aber sie sollte nicht jeden Tag ihres Lebens bestimmen.

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.